„Hannah und Martin“ von der Theatergruppe Mugmetdegoudentand
Simon van den Berg (www.simber.nl)
Vor drei Jahren spielten Willem de Wolf und Lineke Rijxman zwei Kinder in der Produktion Quality Time der Theatergruppe Mugmetdegoudentand. Rijxman wurde dafür mit der Colombina (niederländischer Theaterpreis für die beste weibliche Nebenrolle) ausgezeichnet und trat der künstlerischen Leitung der Theatergruppe bei. Jetzt machten sie gemeinsam eine Vorstellung über die geheime Liebesbeziehung zwischen dem Philosophen Martin Heidegger und der politischen Theoretikerin Hannah Arendt.
Sie untersuchen, was die gegenseitige Anziehungskraft gewesen sein mag: De Wolf vor allem aus der Perspektive Heideggers – der mit Sein und Zeit eines der metaphysischsten Werke der Philosophie schrieb und der die Nazis unterstützte; Rijxman aus dem Blickwinkel von Arendt – der jüdischen Theoretikerin, die nach Amerika fliehen musste und die während des Eichmann-Prozesses in den 60er Jahren die Banalität des Bösen formulierte.
Aber sie kommen nicht dahinter. Ob sie den schwadronierenden Professor Wolf mit Rijxman als die ihn verehrende 18-jährige Studentin spielen, oder Rijxman, die mit Zahnprothese, Perücke und Zigarette eine karikaturale Hannah Arendt darstellt, oder im Fernsehen ganz naturalistisch Hannah und Martin nachspielen, oder sehr kritisch und persönlich ihre gegenseitigen Absichten mit diesem Projekt zur Diskussion stellen – sie kriegen die Liebe nicht zu fassen.
In einem Bühnenbild aus Holzkisten, in denen tönerne Puppen im Stroh liegen, spielen de Wolf und Rijxman ein spannendes, vielschichtiges Spiel mit Identität, Philosophie und Schauspielstilen. Sie identifizieren sich nicht nur persönlich mit Heidegger und Arendt, jeder einzelne folgt seinem ganz individuellen Denksystem und obendrein mit dem ihm eigenen Stil als Theatermacher: De Wolf als ironischer Darsteller und seriöser Autor, Rijxman mit ihrer phänomenalen Phantasie als Schauspielerin. Diese Kombination von Konfrontationen führt auf oft komischen Umwegen doch wieder zur Einsicht.
Für Arendt bedeutet Nachdenken ein Gespräch, eine Auseinandersetzung mit den Standpunkten anderer, nicht empathisch, sondern rational. Heidegger betrachtet Nachdenken als Mittel, um höhere Wahrheit und Einsicht zu erlangen. Aber Rijxman beweist haarscharf, dass, wenn Wahrheit und Einsicht zu kompliziert sind, das Nachdenken zum Ziel an sich und damit zu einer Pose wird. „Es fühlt sich wirklich an wie tatsächliches Nachdenken,“ antwortet de Wolf, wenn er in Antwort darauf seine „denkende“ Haltung angenommen hat.
Die Vorstellung endet mit einer antidemokratischen Tirade von de Wolf, und einer apokalyptischen Vision von Rijxman. Es sind zwei Theatermacher, die keine Antwort gefunden haben, es aber verstehen, damit beispielloses, intelligentes und manchmal beklemmendes Theater zu machen.
Nach About Beckett von Discordia und Villa Europa von De Warme Winkel (über Stefan Zweig) ist dies die dritte semibiografische Vorstellung dieser Spielzeit, in der sich letztlich alles um die Suche der Theatermacher selbst dreht. Alle drei streifen ihr Thema, und gerade dadurch bekommt der Zuschauer ein klares Bild.
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